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  Netz der Hoffnung
 

Einüben in die Hoffnung
                                                      

Ein Boot in der Lagune.
Ein alter Fischer – er steht am Bug,
das Wurfnetz in den Händen.
Seit einer halben Stunde sehe ich ihm zu.
Er versteht sein Handwerk.
In vollendetem Kreis fällt das Netz in das Wasser.
Er lässt es sinken,
wartet bis der bleibeschwerte Rand
den Boden berührt.
Dann zieht er es hoch, behutsam, mit hoffenden Händen,
spürend, ob Leben im Netz ist,
oder ob der Wurf wieder einmal umsonst war.

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Das Netz ist leer
                                                                        

Er schüttelt es aus, entfernt den Unrat,
bereitet sich zum nächsten Wurf.
Ich habe die Würfe gezählt:
Dreiundzwanzigmal ist das Netz auf das Wasser geklatscht.
Jedesmal zog er es leer heraus.

Der alte Fischer weiss:
Es gibt Tage, da muss man das Netz werfen
wider besseres Wissen:
zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal –
weil es nötig ist, das Netz zu werfen -
als Einübung in die Praxis der H|offnung -
weil nicht werfen aufgeben hiesse,
und aufgeben hiesse aufhören zu leben.

Ich danke dir, alter Fischer,
deine Arbeit war nicht umsonst.
Praxis der Hoffnung:
Gerade das musste mir heute ein Mensch sagen.
Du hast es mir gesagt.
Ich habe es verstanden.


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In den Händen des Meisters
                                                     


Seit mehr als dreissig Jahren
hängt sie an unserer Stubenwand,
unsere Gitarre.
Sie soll eines fähigen Meisters Werk sein, so sagt man.
Wir haben sie geerbt,
haben ihr einen sichtbaren und ehrenvollen Platz gegeben.
Sie mache sich gut an der Stubenwand, so sagt man.
Manchmal nimmt sie einer von uns in die Hand,
versucht ein paar Läufe, klimpert ein paar Akkorde,
hängt sie dann wieder an ihren Platz.

Und dann kommt eines Tages ein Freund zu Besuch.
Er ist Künstler, er komponiert, sein Instrument ist die Gitarre.
Unsere Gitarre? Ist sie auch sein Instrument?
Er nimmt sie von ihrem Platz, stimmt ihre Saiten,
horcht in sie hinein, stimmt noch einmmal nach –
und dann geschieht das Wunder:
Unsere Gitarre singt, sie jubelt und klagt,
sie verströmt sich in perlenden, silberhellen Läufen,
in bewegten, getragenen Akkorden:
Bach, Villa Lobos, Schubert,
erregende Improvisationen:
Ist das wirklich unsere Gitarre,
auf der wir gelegentlich geklimpert?
Was ist mit ihr geschehen,
was hat diese Wandlung bewirkt?

Sie ist einem Meister in die Hände gefallen.
Er hat auf ihr gespielt – dem inneren Gesetz gemäss,
nach dem sie erdacht und gebaut.

Ist sie nicht dein Bild und Gleichnis, die ererbte Gitarre?
Wieviele haben schon versucht, auf dir zu spielen,
auf deinen Saiten zu klimpern?
Hast du je den Meister gefunden,
dem dein inneres Gesetz bekannt,
der dich gestimmt, auf dir die Weise zu spielen,
für die du geschaffen?

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Der Schöpfung Gesetz
                                                           

Trösten kann nur, wer Trost empfing,
lieben nur der Geliebte.
Nur der, dem Vergebung ward,
kann selber vergeben.
Nur, wer geborgen, kann bergen,
Gnade üben, wer Gnade erfuhr,
helfen der, dem geholfen,
segnen der, der gesegnet ward,
geben, der selbst empfangen.
Nur der Versöhnte vermag zu versöhnen,
nur der Beschenkte, zu schenken.
Nur wer selber
vom Wasser des Lebens trank,
kann andere tränken.

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Ursprung der Freude
                                                                


Wenn du, Herr, zu uns sprichst,
schweigt unser Sorgen;
wir hören auf dein Wort,
und sind geborgen.

Wir starren nicht auf Sturm
und Meereswogen:
Auf dunklen Wolken steht
dein Bundesbogen.

Wir schaun nicht auf uns selbst,
auf eigne Werke:
Die Freude, Herr, an dir
ist unsre Stärke.

So lass uns auf dem Weg
nicht müssig weilen:
Lass deine Freude uns
mit vielen teilen.


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Kyrie eleison
                                                                              


Eine offene Mülltonne.
Zwischen Kunststofftüten,
leeren Konservendosen,
zwischen Orangenschalen,
zerknülltem Papier und Kehrdreck:
Drei alte Brötchen,
eine halbe Bockwurst, Nudeln, Kartoffelreste,
ein belegtes Brot, kaum angebissen,
in der Käsescheibe der Abdruck von Kinderzähnen -

und es leben (leben sie noch?)
zweihundert Millionen -
im Sahel, in Haiti,
in Bangladesh, in Kambodscha,
in den slums von Mexico City,
in Recife, Lima, Kalkutta -

zweihundert Millionen Menschen:
Flüchtlinge, Kranke, Verfemte -
zweihundert Millionen
in Elendshütten und Lagern -
Männer mit hängenden Schultern -
verhärmte Frauen,
Kinder mit grossen, verwunderten Augen:

Sie haben chronischen Hunger,
sie werden heute nur eine Mahlzeit haben -
sie leben =
doch leben sie wirklich?
Werden sie überleben bis morgen,
bis zur nächsten Ernte?

Und diese Mülltonne -
sicher nicht die vornehmste unter ihresgleichen -
sie hat heute besser gesspeist
als sie alle.
Herr, erbarme dich!.
Mensch, erbarme dich!

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Die Hütten des Verklärten
                                                        

Die Jünger gedachten, Hütten zu bauen,
ständig die Lichtgestalt Jesu zu schauen,
unter vollendeten Selgen zu schweben,
ganz auf dem Berg der Verklärung zu leben.

Doch als die lichten Gestalten entschwanden,
sahn sie nur Jesus, in schlichten Gewanden,
folgten ihm nach, sich des Volks zu erbarmen,
stiegen hinab zu den Hütten der Armen.

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Allmacht der Liebe                                                           
         


Unteilbar ist die Liebe,
unteilbar und unbegrenzt.
Du kannst nicht sagen:
Diesen Stellenwert sollst du haben
in der Bruchrechnung meines Lebens;
du kannst sie nicht sparen,
anlegen, sperren,
kannst sie nicht abrufen
wie einen Kontobetrag;
du kannst der Liebe nicht befehlen:
Da sollst du herrschen
und da nicht.
Du kannst nur in ihr leben,
ganz in ihr leben,
oder du wirst dich ihr verweigern,
ihr widerstrebend dein Leben vergeuden,
gegen die Schöpfung schaffend,
gottlos bedacht,
einen Raum auszusparen,
in dem sie nicht herrscht.
Du kannst dich weigern zu atmen
bis an die Grenze des Erstickens;
doch auch den Widerstrebenden
umfängt wie die Luft
göttlicher Liebe Allmacht und Ewigkeit.